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Sewastopol

Blick über die Südbucht


Sewastopol, griech: "Stadt des Ruhmes" – "nomen est omen" läßt sich da nur anmerken. Die Stadtgründer und Namensstifter hatten 1783 wohl eher die glorreichen Taten der vergangenen Kriege gegen das Osmanische Reich im Sinn und keine Ahnung von den schweren Prüfungen, die dieser Stadt noch bevorstanden und die ihren Ruhm erst noch begründen sollten.

1783 gelang es Katharina der Großen die Krim zu annektieren und die Position Rußlands am Schwarzen Meer dauerhaft zu festigen, das bis dahin fast ein osmanisches Binnengewässer war. Nach der Gründung von St. Petersburg 1703 war dies der zweite wichtige Erfolg, um das Russische Reich als Seemacht und somit als Großmacht zu entwickeln. Im gleichen Jahr ordnete der Gouverneur der Provinz Neurußland, wozu die Krim gehörte, Graf Potjomkin, die Gründung Sewastopols als Stützpunkt für die neue russische Schwarzmeerflotte an.

Die tiefeingeschnittenen Buchten an der südwestlichen Krimküste boten sich als ideale Naturhäfen an, in bester strategischer Lage, und ganz in der Nähe der Ruinen von Chersones. Chersones war im 5. Jh. v. Chr. von Griechen Kolonisten gegründet worden. 1399 wurde es von Tataren der Goldenen Horde zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Ein nicht unbedeutender propagandistischer Triumph, vermutlich war in Chersones 988 Großfürst Wladimir getauft worden, es gilt als Wiege des russisch-orthodoxen Christentums. Durch die neue Stadt stellte Rußland Siedlungskontinuität her und konnte sich als Bewahrer des orthodoxen Glaubens positionieren.

Innerhalb weniger Jahrzehnte, bis in die Mitte des 19. Jh., entstand in Sewastopol die seinerzeit modernste Marinebasis der Welt. Die russische Expansion mit Stoßrichtung Mittelmeer wurde nicht zuletzt von der Seemacht Großbritannien argwöhnisch verfolgt. Ein Versuch Zar Nikolaus I. 1853 mit diplomatischem und militärischem Druck die Kontrolle über den Bosporus und die Dardanellen zu gewinnen, bot für Großbritannien einen willkommenen Anlaß, in einer Koalition mit Frankreich, Sardinien und dem Osmanischen Reich die maritime Expansion des Zarenreiches zu stoppen. Damit geriet Sewastopol zwangsläufig in den Fokus alliierter Kriegsplanung und wurde Hauptschauplatz des dann auch so benannten Krimkrieges von 1853 – 1856.

Die Eroberung Sewastopols im Handstreich scheiterte, nicht zuletzt dadurch, das Admiral Kornilow die unterlegen Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte in der Mündung zur Sewastopoler Bucht versenken ließ und die Zufahrt blockierte. Das Symbol der versenkten Schiffe wurde später in das Stadtwappen aufgenommen. 349 Tage belagerten die allierten Truppen die Stadt. Dieser erste Stellungskrieg der Moderne, dessen Hauptcharakteristikum der massierte Einsatz von Artillerie war, führte zur völligen Zerstörung von Sewastopol.

Trotz der militärischen Niederlage wurde Sewastopol zu einem Mythos für russisches Heldentum, für den Durchhaltewillen seiner Verteidiger, die sich moralisch als Sieger fühlten. Die "Sewastopoler Erzählungen" des jungen Tolstoi, der als Freiwilliger in Sewastopol kämpfte, geben eindringliche Einblicke in die Ereignisse der Belagerung.

Aufgrund der Restriktionen des Friedensvertrages von 1856 ging der Wiederaufbau nur sehr langsam voran. Erst nach mehr als zwei Jahrzehnten konnte Rußland wieder ungehindert im Schwarzen Meer agieren. Keine hundert Jahre später, 1941/42 erlebte Sewastopol seinen zweiten Untergang. 249 Tage belagerten deutsche Truppen die Stadt, dabei setzten sie mit einem 80 cm Mörser das größte Geschütz des Zweiten Weltkrieges ein. Nach der Rückeroberung durch die Rote Armee 1944 standen in Sewastopol nur noch drei Häuser.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Sewastopol den Status einer "Heldenstadt" und wurde bevorzugt wieder aufgebaut. Das Zentrum ist durchgängig geprägt von spätstalinistischer Architektur, einem auf Prunk und imperiale Wirkung angelegtem Stil mit bevorzugt klassizistischen wie Elementen der Renaissance.

Sewastopol ist geprägt von seiner militärischen Bedeutung und Geschichte. Seit 1994 ist die Stadt offen und ohne Sondergenehmigung zu betreten. Auf Schritt und Tritt stößt der Besucher auf militärhistorische Denkmäler und Monumente, über 1000 sind davon vorhanden.


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